Von Gorillas, HomeOffice, Elsa und Olaf ...

Wie Kinder, Erzieherinnen und Eltern den Corona-Lockdown meistern

Die Corona-Pandemie hat auch den Kindergarten-Alltag stark verändert.

Sebastian Schulz vom Süderländer Tageblatt hat unser Familienzentrum "Mittendrin" besucht und darüber berichtet, wie Kinder, Erzieherinnen und Eltern gemeinsam und vielfältig den Lockdown meistern.

Das Familienzentrum Mittendrin gleicht in diesen Tagen einer Oase in einer kräftezehrenden Wüste. Aus der Tigergruppe sind vergnügte Kinderschreie zu hören, bei den Gorillas puzzelt eine Erzieherin gerade mit einem Kind (ohne Mund-Nasenschutz versteht sich) und nach dem Mittagessen grinst ein Junge mit einem Oberlippenbart aus Früchtequark seinen Freund an.

Ganz normaler Kindergarten-Alltag, irgendwie. Und doch ist alles ganz anders als gewöhnlich.

Auch wenn die Erzieher bemüht sind, die Folgen der Corona-Pandemie zumindest im Kindergarten nicht an die Kleinsten herankommen zu lassen, hat sich das Arbeiten für die Mitarbeiter selbst stark verändert. Die Gruppengrößen zum Beispiel sind deutlich geschrumpft, Projekte und Wochenpläne müssen verschoben werden. Manche Kolleginnen arbeiten sogar im Homeoffice.

Sandra Becker ist diejenige, die im Familienzentrum Mittendrin die Entscheidungen treffen muss. Das ist in Zeiten wie diesen, in denen viele Regelungen unscharf formuliert sind, in denen Kindergärten im Schatten der Schuldiskussionen untergehen und in denen trotzdem der Schutz von Kindern und Erzieherinnen gewährleistet sein muss, keine leichte Aufgabe. Immerhin: Bis jetzt laufe alles noch verhältnismäßig gut, sagt Sandra Becker.

Einen Corona-Fall hat es bislang im Mittendrin gegeben. Im Dezember ist eine Erzieherin positiv getestet worden. Die ganze Gruppe musste in Quarantäne, aber die gute Nachricht war, dass sich keines der Kinder angesteckt hatte.

Dieses Erlebnis hat das Personal in zweierlei Hinsicht sensibilisiert. Erstens: Es kann ganz schnell gehen, dass das Coronavirus auch den Kindergarten-Alltag lahmlegt. Aber zweitens: Da sich kein Kind infiziert hat, verbreitet sich das Virus vielleicht unter Kindern wirklich nicht so schnell – so wie von vielen Experten immer gesagt wurde.

Zumindest gefühlt lasse es sich mit dieser Erkenntnis besser ohne Mund-Nasenmaske im Kindergarten arbeiten. Bis auf eine Kollegin verzichten alle Erzieherinnen im Familienzentrum Mittendrin auf diesen Schutz – zum Wohle der Kinder, für die es wichtig ist, die Mimik im Gesicht des Gegenübers erkennen zu können.

Womit wir bei einem weiteren wichtigen Aspekt wären: Kindergarten bedeutet – anders als vielleicht viele denken – nicht nur Kinderbetreuung. „Wir haben nicht nur einen Betreuungs-, sondern auch einen Bildungsauftrag“, betont Sandra Becker. Sprache, Bewegung, Kognition, Musik – all das will ge- und erlernt werden. Und ähnlich wie in der Schule bedeutet Bildung heutzutage auch sehr viel Vorbereitungs-, Nachbearbeitungs und Dokumentationsarbeit, die viel Zeit in Anspruch nehmen. Der Erzieher, der sich den ganzen Tag nur um die Kinder kümmert – das ist Vergangenheit.

Entsprechend nervt viele Erzieher im Homeoffice auch die Frage: „Kindergarten zuhause – wie geht das denn?“

Im Mittendrin arbeiten derzeit zehn von 22 Kolleginnen von zuhause aus. Sie kümmern sich um genau diese Dokumentationsarbeit, sie setzen sich mit pädagogischer Fachliteratur auseinander, sie erarbeiten Konzepte für neue Projekte, sie lassen sich täglich neue Spielideen für die Eltern einfallen oder sie nähen – so wie eine Erzieherin – Storybags, also Geschichtsbeutel, die sich mehrfach umstülpen lassen und mit deren Bildern man zum Beispiel die Geschichten der Arche Noah oder der Schöpfung veranschaulichen kann.

Zuhause bleiben aber nicht nur ein Teil der Erzieher, sondern auch viele Kinder. Die Bundesregierung hat diesen Wunsch in die Gesellschaft getragen und die meisten Eltern halten sich daran. Unglücklich findet Sandra Becker allerdings, dass diese Regelung so schwammig formuliert worden ist. Während zu Beginn der Pandemie im Frühjahr klar definiert wurde, welche Kinder betreut werden sollen (nämlich die von Eltern in systemrelevanten Berufen), müssen die Eltern jetzt nach eigenem Gewissen entscheiden. Das falle nicht jedem leicht. Glücklicherweise klappe es im Familienzentrum Mittendrin sehr gut. Von den rund 100 Kindern des Kindergartens sind in der Regel zwischen 20 und 25 da, aufgeteilt auf die fünf Gruppen. Der Rest bleibt zuhause.

„Das ist schon eine Wahnsinns-Leistung der Eltern, denn wir reden ja hier nicht nur von ein paar Tagen, an denen die Kinder zuhause bleiben“, betont Sandra Becker.

Verstehen kann sie die Sorgen vieler Eltern, ob sie ihrem Kind zwischen Haushalt und Arbeit überhaupt noch gerecht werden können. Aber sie kann beruhigen: Das, was viele Eltern mit ihren Kindern zuhause machen – sei es im Schnee toben, Spiele spielen oder Bücher vorlesen – sei genau das, was viele Kindern einfordern und brauchen. Sie glaubt fest daran, dass die Kinder die Krise auch mental gut überstehen können und macht Mut: „Ich glaube, dass man Kindern mehr zutrauen kann, als wir oft annehmen.“

Pandemie hat Karten neu gemischt

Jetzt, wo die Jungs aus der Gorilla-Gruppe unter sich sind, ist es im Obergeschoss des Familienzentrums Mittendrin etwas wilder geworden.

Flipperkugeln fliegen über Holzbretter, Modellautos werden durch den Raum gefeuert, aber nun ja, der eine oder andere entdeckt jetzt auch ganz neue Interessen für sich: zum Beispiel die Eiskönigin. Marina Wegener muss immer etwas schmunzeln, wenn sie ihren Erzieher-Kolleginnen davon erzählt, wie ihre Gorilla-Jungs neuerdings auf Anna, Elsa und das Eiskönigin-Schloss abfahren. Denn vor Corona hat die populäre Disney-Geschichte eher die Mädchen aus der Gruppe in den Bann gezogen. Aber die Jungs? Das lief dann eher so: „Anna und Elsa? Nee, lass uns lieber Spiderman spielen.“

Aber die Corona-Pandemie hat im Kindergarten die Karten neu gemischt. Vieles hat sich während des letzten Jahres für die Kinder verändert, Interessen haben sich ebenso verschoben wie viele Situationen des Alltags. Es fängt schon mit der Gruppengröße an. Die Gorillas sind normalerweise 25 Kinder im Alter zwischen drei und sechs Jahren. Aber weil die Bundesregierung Eltern dazu aufgerufen hat, Kinder möglichst zu Hause zu behalten und nur, wenn es gar nicht anders geht, in die Kita zu schicken, sind täglich nur noch zwischen sechs und acht Gorillas in der Gruppe übrig. In anderen Gruppen des Familienzentrums ist die Anzahl der Kinder ganz ähnlich zusammengeschrumpft.

„Einige Kinder genießen diese geringe Gruppengröße wirklich“, sagt Marina Wegener. Sie ist seit zwölf Jahren Erzieherin, leitet die Gruppe, hat viel erlebt und gesehen. Aber eine so kleine Gruppe ist auch für sie etwas Neues. Klar hat das Vorteile. Die Kinder haben Spielbereiche manchmal ganz für sich alleine. Sie haben meist die volle Aufmerksamkeit der Erzieherinnen. Und es ist allgemein nicht mehr so trubelig wie mit dreimal so vielen Kindern. Aber genau dieser Trubel ist auch genau das, was fehlt. „Die Vielfalt macht es aus, die unterschiedlichen Charaktere, die für eine ganz andere Dynamik in der Gruppe sorgen“, sagt Marina Wegener. Mit fünf Kindern, die ruhig sind und gerne puzzeln, sei es zum Beispiel schwierig, Bewegungsspiele zu starten. Sind aber aktive Kinder dabei, lassen sich die Ruhigen mitziehen. Je mehr Kinder, desto besser lasse sich voneinander abschauen und zum Beispiel Sozialverhalten oder Sprache lernen, erklärt Marina Wegener.

Gorillas haben sich gut eingewöhnt

Die Gorillas haben sich wie die meisten anderen Kinder des Familienzentrums Mittendrin rasch an die neue Situation durch Corona gewöhnt. Regelmäßig Hände waschen, kleinere Mittagessens-Runden, die sich nach Aussage der Kinder anfühlen wie ein „Kaffeekränzchen bei Oma“, offene Fenster zum Querlüften oder in die Ellenbeuge zu niesen und nicht mehr quer über den Tisch – diese neuen Regeln und Abläufe haben die Kinder aller Gruppen laut Familienzentrumsleiterin Sandra Becker überraschend schnell verinnerlicht. Klar, Grenzen werden trotzdem getestet. Kinder, die ansonsten schon sehr selbstständig sind, haben natürlich registriert, dass die Erzieher mehr Zeit für sie haben. Da wird dann schon mal der Fuß hingehalten, wenn sich die Kinder die Schuhe anziehen sollen. „Netter Versuch“, denkt Marina Wegener und lässt sich auch durch einen Gorilla-Hundeblick nicht erweichen. Dass in ihrer Gruppe während des aktuellen Lockdowns nur Jungs in der Betreuung sind, ist reiner Zufall. Aber auch das fördert interessante Entwicklungen zutage, zum Beispiel die neue Faszination für die Eiskönigin.

Alles begann damit, dass zwei Jungs plötzlich am Eiskönigin-Schloss gespielt haben – etwas, dass sie laut Marina Wegener vor den größeren Jungs eher nicht gemacht hätten. „Jungs haben es da immer schwieriger als Mädchen“, weiß die Erzieherin, „wenn ein Mädchen Dachdeckerin werden will, ist das taff und cool, aber wenn ein Junge ein Bild in rosa malt, sind Kommentare vorprogrammiert.“ Nun, im Beispiel der Eiskönigin, machen einige Jungs einfach das, was ihnen Spaß macht. Sie bauen Eisschlösser aus weißen Legosteinen, singen in der Gruppe die Lieder aus dem Film und keiner lacht sie dafür aus. Sie sind über ihren Schatten gesprungen – laut Wegener eine wichtige Eigenschaften mit Blick auf die bevorstehende Schulzeit. Und warum überhaupt sollen nur Mädchen die Eiskönigin toll finden dürfen, diese Welt voller Schnee, diese Geschwisterliebe?! Wenn die großen Jungs wieder da sind, dürfen sie gerne mitspielen, wenn sie möchten. Schließlich gibt es in der Geschichte ja auch noch einen lustigen Schneemann namens Olaf.

come-on.de / Sebastian Schulz

Erzieherin Marina Wegener ist die Leiterin der Gorilla-Gruppe im Familienzentrum Mittendrin und hat viel Freude mit den Kindern. © Schulz, Sebastian

In der Gorillagruppe im Familienzentrum Mittendrin herrscht meistens volles Haus. In Corona-Zeiten werden hier aber nur ein halbes Dutzend Kinder betreut. © Schulz, Sebastian

Die Erzieherinnen des Familienzentrums Mittendrin in Plettenberg freuen sich auf den Moment, wenn hoffentlich bald die noch fehlenden Kinder wieder die Kita besuchen dürfen. © Schulz, Sebastian

Sandra Becker, Leiterin des Familienzentrums Mittendrin. © Schulz, Sebastian